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Über das Projekt

Die vorliegende digitale Edition des Werks von Fernando Pessoa ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen WissenschaftlerInnen des Projekts Estranhar Pessoa, angesiedelt am IELT (Instituto de Estudos de Literatura e Tradição), Neue Universität Lissabon, dem CCeH (Cologne Center for eHumanities), Universität zu Köln und zuletzt der Universidad EAFIT Medellín. Beraten wurde das Projekt vom IDE (Institut für Dokumentologie und Editorik) und von SpezialistInnen des Werks von Fernando Pessoa. Für die die editorische Koordination ist Pedro Sepúlveda verantwortlich, für die Koordination der DH-Arbeiten Ulrike Henny-Krahmer, als Editoren sind Pedro Sepúlveda, Ulrike Henny-Krahmer und Jorge Uribe tätig.

Auf der Webseite wird eine Edition derjenigen Listen aus dem Nachlass von Fernando Pessoa präsentiert, die seine herausgeberischen Projekte enthalten. Daneben enthält die Edition Gedichte, die vom Autor zu Lebzeiten in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht wurden. Zum Teil sind diese Projektlisten zuvor in verschiedenen Editionen verstreut publiziert worden, ein großer Teil war aber noch unveröffentlicht. Es handelt sich um Dokumente, die eine entscheidende Rolle für das Verständnis nicht nur der herausgeberischen und dichterischen Vorhaben Pessoas spielen, sondern auch der systematischen Erarbeitung, Fixierung und Organisation des Werkes über die Zeit. Dass ihre Relevanz bereits anerkannt ist (vgl. Cunha 1987, Sepúlveda 2013, Sepúlveda und Uribe 2016), zeigt sich an der Erarbeitung einer Referenzausgabe dieser Dokumente. Die vorliegende digitale Edition legt einen starken Akzent auf die Beziehung zwischen dem potentiellen Charakter des Werks und demjenigen Teil, der tatsächlich publiziert wurde. Systematische Zugänge zu den Dokumenten, Publikationen, Werken und Genres erlauben es, die zeitliche Entwicklung der editorischen Projekte wie der Publikationen genau nachzuvollziehen und Bezüge zwischen ihnen herzustellen. Alle Dokumente der digitalen Edition sind gemäß den Richtlinien der Text Encoding Initiative (TEI) codiert. Der Standard bietet sowohl eine Grundlage für die Repräsentation der schriftlichen Quellen im digitalen Medium als auch Konzepte und Techniken um Varianten und Versionen zu verzeichnen.

Das Korpus der editorischen Projektlisten von Pessoa wird dadurch begrenzt, dass es in Opposition zu einer anderen Art von Listen steht, die in Pessoas Nachlass gleichermaßen präsent sind, wie Lektürelisten, Listen von Büchern, anderen Objekten oder zu erledigenden Aufgaben. Hinsichtlich der Listen mit editorischer Ausrichtung und im Hinblick auf die Ziele dieser Edition ist, in Einklang mit der kritischen und herausgeberischen Tradition, noch zwischen Projektlisten und Projektplänen zu unterscheiden. Ein Plan ist eine Liste, die sich nur auf ein einzelnes Werk bezieht und die Bestandteile eines einzelnen Titels strukturiert. Die Projektlisten vereinen mehrere, voneinander unabhängige Titel, die verschiedenen Werken entsprechen. Diese Edition zielt nur auf die editorischen Projekte, welche allerdings auch editorische Pläne und Notizen enthalten können, welche sich auf die aufgezählten Titel beziehen und in solchen Fällen in die Edition einbezogen werden. Vor allem auf der Grundlage der editorischen Projektlisten wird es möglich, die Geschichte der Entwicklung jedes Titels, Projekts oder Werks nachzuvollziehen sowie die Geschichte seiner jeweiligen Organisation, weshalb diese Listen als entscheidend für das Studium und die Analyse des Werks als Ganzes angesehen werden.

In der Version 1.0 beinhaltet die Edition diejenigen Listen, die Pessoa zwischen 1913 und dem Ende seines Lebens erstellt hat. In Bezug auf die Veröffentlichungen zu Lebzeiten sind alle Gedichte enthalten, die zwischen 1914 und 1935 in Zeitschriften unter den Namen Fernando Pessoa, Álvaro de Campos, Alberto Caeiro und Ricardo Reis veröffentlicht wurden. Außerdem ist die zu Lebzeiten veröffentlichte Prosa enthalten, die von 1912 an in Zeitungen und literarischen Zeitschriften unter den Namen Fernando Pessoa, Álvaro de Campos und Bernardo Soares erschienen ist.

Bei der Edition der Publikationen zu Lebzeiten wird ein besonderes Augenmerk darauf gelegt, in welchem bibliographischen Zusammenhang jeder Text vom Autor selbst veröffentlicht wurde. Das Ziel ist es, die wesentlichen bibliographischen Eigenschaften zu erhalten, um eine angemessene Lektüre zu ermöglichen. Daher werden Neuveröffentlichungen, die einen Text in einem anderen Zusammenhang wiedergeben, als eigenständige Einheiten ediert, während verschiedene Veröffentlichungen eines Textes, die sich nur durch textliche Varianten unterscheiden in einem einzigen kritischen Text zusammengefasst werden. Mit diesem Ansatz wird den Überlegungen von Jerome McGann (1991, 13-16) gefolgt, der dem bibliographischen Code des Textes eine besondere Bedeutung zumisst. McGann (2001, 11-12) erweiterte seine Überlegungen im Hinblick auf digitale Editionen und betont die Notwendigkeit, die Ziele der kritischen Edition und der Faksimile-Edition im Digitalen zu vereinen. Letztere hebt die bibliographischen Besonderheiten und den spezifischen Veröffentlichungskontext jedes Textträgers hervor. Die Edition geht auf diese Besonderheiten ein, indem jedem edierten Text das zugehörige Faksimile gegenübergestellt wird und indem jeder Text als ein Stück präsentiert wird, das in einem gegebenen Kontext zu sehen ist und auf einem bestimmten Textträger mit eigenen visuellen und sprachlichen Eigenschaften veröffentlicht wurde. Da der Text in direkter Nähe zum Faksimile präsentiert wird, kann bei seiner Fixierung im digitalen Medium auf eine absolute typographische Treue und Berücksichtigung von Details der Handschrift verzichtet werden. Stattdessen wird der Text insbesondere bei der Repräsentation der handschriftlichen Listen in strukturierter, gut lesbarer Form wiedergegeben.

Variationen bei verschiedenen Publikationen eines Textes, für die je eigene Einträge in der digitalen Edition vorhanden sind, werden im editorischen Kommentar zu den Publikationen erläutert. Demgegenüber werden Varianten zwischen Publikationen einer einzigen Textsammlung oder eines für sich stehenden Textes direkt sichtbar im Text markiert, wobei auch Unterschiede bei Satzzeichen und Klein- und Großschreibung berücksichtigt werden. Hierfür wird die Methode der "parallelen Segmentierung" (parallel segmentation method) verwrendet, bei der die Varianten an genau der Textstelle codiert werden, an der sie im zu edierenden Text vorkommen. Dabei wird kein externer Apparat gepflegt, sondern die Varianten werden direkt in den Text integriert. Alle Varianten werden gleich behandelt, so dass nicht von einem einzigen Basistext ausgegangen wird. Stattdessen entscheiden die Herausgeber in jedem Fall welche der Varianten bevorzugt wird. Dies ist bei Pessoas Werk besonders wichtig, weil so bei der Auswahl einer Variante, die einer bestimmten Version eines Textes entspricht, immer die Bedingungen des – geplanten oder realisierten – Gesamtwerkes und des weiteren bibliographischen Kontextes berücksichtigt werden können. Auf diese Weite wird ein kritischer Text etabliert, welcher der Gesamtheit von Pessoas Werk Rechnung trägt.

Die Edition profitiert von den Möglichkeiten, die das digitale Medium bietet, indem dem Leser eine Kombination verschiedener Formen von Textedition angeboten wird. Für jedes Dokument des Nachlasses werden drei Editionsformen präsentiert: 1. eine diplomatische Transkription, die alle Varianten, Unsicherheiten und später vom Autor selbst angezweifelte Textstellen enthält; 2. eine erste edierte Fassung des Textes, wie sie vom Autor festgelegt und nicht verworfen wurde und welche die Auflösung von Abkürzungen einschließt; 3. eine letzte vom Autor nicht verworfene edierte Textfassung.

Aufgrund des Vorhandenseins von Varianten im Text der Nachlassdokumente zeichnen sich vorherige Editionen dadurch aus, dass sie bestimmte Lesarten auswählen und für jeden Text eine bestimmte Version festlegen. Es ist weitgehend bekannt, dass bestimmte Editionen dazu tendieren, eine erste Lesung des Textes vorzunehmen, während in anderen die letzte Lesung vorgezogen wird. Schließlich gibt es noch Fälle, in denen ein hermeneutisches Kriterium herangezogen wird, um jeweils zwischen den vorhandenen Varianten auszuwählen (vgl. insbesondere Duarte 1988, Lopes 1992, Galhoz 1993, Martins 2011 und Castro 2013). Die vorliegende Arbeit stellt für jeden Text mehrere Arten des Zugangs bereit und überwindet damit einige der vorherigen Gegensätze zwischen den editorischen Prinzipien. Auf diese Weise wird sie der Dynamik von Pessoas Schreiben und dessen verschiedenen Phasen eher gerecht. Diese editorische Herangehensweise an Pessoas Texte stellt eine neue Art des Zugangs zu seinem Werk dar. Sie konzentriert sich sowohl auf einen wesentlichen Teil seines literarischen Nachlasses, der von der Portugiesischen Nationalbibliothek (BNP) oder von Privatpersonen (CP) verwaltet wird, als auch auf die zu Lebzeiten veröffentlichten Texte. Die Sigle BNP (gefolgt von einer Signatur) zeigt an, dass die Dokumente Teil des Nachlasses in der Nationalbibliothek sind (im Umschlag 3). Diejenigen Dokumente, die auf private Sammlungen zurückgehen, werden mit der Sigle CP (gefolgt von einer Nummer) bezeichnet.

Die textlichen Varianten, Unterstreichungen und durchgestrichenen Passagen sind in der diplomatischen Transkription jedes Textes vollständig und in einer graphisch lesbaren Form dargestellt, wobei auf Hilfssymbole verzichtet wird. Vor allem die diplomatische Transkription zielt darauf, der graphischen Anordnung des Originaldokuments weitgehend treu zu bleiben, welche in den Faksimiles, die jeden Text begleiten, wiedergegeben wird und die Lektüre ergänzt. Die Transkription folgt dem Original im Hinblick auf die Orthographie. Nur offensichtliche Fehler werden stillschweigend korrigiert. In diesem Sinne werden in der diplomatischen Transkription alle Varianten und durchgestrichenen Passagen beibehalten und nicht in Kommentare ausgelagert, wie es in anderen Ausgaben des Werks von Pessoa üblich ist. Dadurch, dass diese Elemente im Textkörper erhalten bleiben, kann die Leserin bzw. der Leser die Schwankungen, Variationen und Korrekturen, denen die editorischen Projekte unterliegen, nachvollziehen und auf diese Weise ihrer Entwicklung folgen. So wird nicht nur die Entwicklung der Projekte von einer Liste zur nächsten sichtbar, sondern auch innerhalb einzelner Listen, auf denen oft ein Projekt durch ein anderes ersetzt wird oder die bestehende Unsicherheit zwischen verschiedenen Versionen eines bestimmten Projekts deutlich wird.

Da ein Ansatz verfolgt wird, der den Zugang zu allen bedeutsamen Elementen jedes Dokuments bevorzugt, wird nur für die erste und letzte Version des edierten Textes eine Auswahl aus den vorhandenen Elementen getroffen. Diese geht über die Korrektur offensichtlicher Fehler, welche in allen editorischen Fassungen vorgenommen wird, hinaus. So verzichtet die erste Fassung auf spätere Ergänzungen und Varianten und lässt auch gestrichene Passagen weg. In der letzten Fassung wird nur die letzte, vom Autor nicht verworfene Variante gegeben und auf vorherige Varianten verzichtet. In den Transkriptionen werden folgende Symbole verwendet:

  • vom Autor frei gelassene Stelle
  • * vermutete Lesung
  • / / vom Autor in Frage gestellter Abschnitt
  • unleserliches Wort
  • [ ] aufgelöste Abkürzung

In einem kurzen Kommentar zu jedem Dokument aus dem Nachlass wird auf dessen vorherige Publikation hingewiesen, falls es sich nicht um ein bisher unveröffentlichtes Dokument handelt. Die Darstellung konzentriert sich auf die älteste Veröffentlichung, es sei denn eine neuere Veröffentlichung bringt eine deutliche Verbesserung der Lesung mit sich. Der Kommentar geht außerdem auf Eigenschaften des Materials und inhaltliche Aspekte ein, die für die Datierung herangezogen werden. Bei den materiellen Eigenschaften sind dies die Art der verwendeten Schrift (handschriftlich oder maschinengeschrieben) und die Art des Textträgers. Dabei werden Stempel berücksichtigt, von denen viele Unternehmen zu Firmen gehören, bei denen Pessoa zu bestimmten Zeiten gearbeitet hat. Auch Wasserzeichen auf dem Papier werden berücksichtigt. Die Abkürzung "c." ("circa") weist auf eine ungefähre Datierung hin, die von der Interpretation der erwähnten Eigenschaften des Dokuments abhängt sowie von einem Verständnis des Werks, welches über seine Materialität hinausgeht. Sogar in Fällen, in denen auf dem Dokument ein autographisches Datum auftaucht, kann nicht mit absoluter Sicherheit gesagt werden, dass das Dokument genau an diesem Datum erstellt wurde, weshalb in keinem Fall auf die interpretatorische Dimension verzichtet werden kann. In zweifelhafteren Fällen wird ein Zeitraum von zwei bis drei Jahren angegeben ("c. 1916-1917" oder "c. 1918-1920"), ein Fragezeichen hinzugefügt ("c. 1914?") oder angegeben, dass eine Liste einer bestimmten Periode zuzuordnen ist ("1916-1919" oder "1920-1927"). Die Abkürzungen "ant." ("anterior"/"vor") und "post." ("posterior"/"nach") zeigen an, dass ein bestimmtes Dokument zu einer Zeit erstellt wurde, die kurz vor oder nach einem bestimmten Datum liegt.

Eine Suchmaske ermöglicht die Suche nach bestimmten Inhalten und eröffnet verschiedene Zugänge zu den Informationen, die in den Texten enthalten sind. Verschiedene Register, von Namen, Werk- und Zeitschriftentiteln, auf die in den Dokumenten verwiesen wird, helfen, die in den Dokumenten enthaltenen Informationen zu organisieren. Der Zugriff auf die Texte kann über verschiedene Wege erfolgen; etwa, indem nach einem Autor gesucht wird, nach einem Dokument, einer Publikation, einem Werk oder einem (literarischen) Genre.

Die Geschichte der Projekte und Publikationen ist auch diejenige einer dynamischen Entwicklung des Schreibens und seiner Fixierung in einer Publikation oder durch den Vorschlag einer editorischen Organisation. Auch wenn sie im Laufe der Zeit Veränderungen unterliegen, sind diese verschiedenen Fixierungen punktuell von Bedeutung und tragen zu einer Definition des Werks nicht nur aus einer editorischen, sondern auch aus einer poetologischen und systemischen Sicht bei. Die Geschichte von Pessoas Projekten und Publikationen nachzuzeichnen bedeutet somit, ein im Entstehen befindliches Werk zu analysieren, welches aber auf ein größeres Ziel hinweist: das einer projizierten Bestimmung seines Sinns als eines vollständig konstituierten Ganzen.

Durch die editorische Arbeit, die aber nicht auf eine hermeneutische Herangehensweise verzichtet, soll zu einer Klärung wesentlicher kritischer Fragen in den Pessoa-Forschungen beigetragen werden. Dazu zählen die Diskussion um den fragmentarischen oder ganzheitlichen Charakter des Werkes (vgl. Coelho 1949, Gusmão 2003, Martins 2003, Sepúlveda 2013, Feijó 2015). Die materielle Fragmentiertheit einiger Texte ist nicht damit gleichzusetzen, dass der Autor nicht danach gestrebt hat, sie durch die systematische Fixierung des Werks zu überwinden. Dass das Werke keine definitive Form erreicht hat, mag auf die andauernde Unzufriedenheit des Autors hinweisen. Die vorliegende Edition zeigt, dass Pessoa kontinuierlich an der Organisation seines Werks gearbeitet hat, was durch die Listen der editorischen Projekte, die hier zusammengeführt und analysiert werden, belegt wird. Dies steht im Kontrast zu oder im Einklang mit den Veröffentlichungen zu Lebzeiten. In beiden Texttypen scheint auf, wie die Gestaltung des Werks von der Bestimmung seiner Inhalte abhing, von der Herstellung von Beziehungen zwischen den Titeln und der Zuweisung der Autorschaft, ausgedrückt in der berühmten Erfindung von Autorenfiguren, diejenige mit Pessoas eigenem Namen eingeschlossen.

Sepúlveda, Pedro, Ulrike Henny-Krahmer und Jorge Uribe (Hrsg). Fernando Pessoa – Digitale Edition. Projekte und Publikationen. Lissabon und Köln: IELT, Neue Universität Lissabon und CCeH, Universität zu Köln 2017-2021. Version 1.0. <http://www.pessoadigital.pt/de/project/about>. DOI: 10.18716/cceh/pessoa.